Gedanken zur Karwoche und zu Ostern von Fritz Ullmer, Pfarrer im Ruhestand

Haben wir Jesus verstanden?

Normalerweise feiern wir am Gründonnerstagabend den Ursprung der Eucharistie, hören dann aber im Evangelium kein Wort davon. Nur die beiläufige Bemerkung: „Sie feierten ein Mahl“. Das überrascht mich immer wieder, an jedem Gründonnerstag. Warum verdrängt das heutige Evangelium den zentralen Bericht vom letzten Abendmahl durch die Fußwaschung, diese provozierende soziale Tat Jesu? Diese Frage reizt mich. Der Evangelist Johannes kannte offensichtlich schon die Gefahr, dass der Nachvollzug des Abendmahls zu einem bloßen Ritual erstarrt, das nicht mehr erfahren lässt, dass sich Jesus in dieser Feier an uns verschenkt, damit unser Christenleben selbst zum Geschenk für andere werden kann. Genau das will ja die Fußwaschung deutlich machen: Dass bürgerliche Konventionen, Rang und Würde unter Christen nicht mehr entscheidend sein dürfen, ja dass sie bei uns geradezu auf den Kopf gestellt werden sollten, damit auch der Schwächste bei uns spüren kann: Ich gehöre hier ganz dazu. Kirche als klassenlose Gesellschaft im besten Sinn also! Genau das ist das Anliegen der Fußwaschung. Die Freunde Jesu haben ja noch im Abendmahlssaal miteinander gestritten, wer von ihnen der Größte sei. Sein Kommentar dazu: „Wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein. Und wer bei euch der Erste sein will, der soll euer Sklave sein“ (Mt. 20,26f).

Der Johannesevangelist scheint mir ein recht kritischer Kirchenchrist gewesen zu sein. Er sah bereits die gefährliche Richtung, in die das Christentum dann doch gelaufen ist, nämlich in die Richtung einer Riesenorganisation mit großem Aufwand an Verwaltung, Organisation und Kirchenrecht. Oder ist das, was Jesus mit der Fußwaschung provozierend deutlich machen wollte, wirklich der Stil, in dem wir Christen miteinander umgehen? Und wie gehen wir mit denen um, die nicht zu uns gehören wollen? Lieber würden wir ihnen den Kopf waschen als die Füße. Aber Jesus hat auch dem Judas die Füße gewaschen, obwohl er wusste, was Judas an diesem Abend vorhatte. Gerade in unserer modernen Gesellschaft, in der einzelne oft nur als Arbeitskraft oder als Kostenfaktor gewertet wird, gerade in einer solchen Gesellschaft würde ein Christentum der Fußwaschung sicher auf viele Menschen einen unwiderstehlichen Reiz ausüben. Und es übt ihn auch aus, dort, wo es wirklich ehrlich praktiziert wird. Papst Franziskus z.B., der am Gründonnerstag auch einer jungen Muslima im Gefängnis die Füße gewaschen hat, er wird wegen seines ungewohnten Leitungs- und Lebensstils nicht nur von Katholiken, sondern auch von anderen Christen und von Nichtchristen ernst genommen. Überraschend auch, dass Kardinal Woelki in diesen Tagen über 100 Kölner Obdachlose ins Priesterseminar aufgenommen hat, zumindest bis zum Ende der Corona-Pandemie. Und dann? Mein hoher Respekt gilt erst recht allen, die weltweit ihre ganze Kraft für die Opfer dieser furchtbaren Krankheit einsetzen, viele auch mit dem Einsatz ihres eigenen Lebens.

Nach Meinung vieler Frommen stand Jesus damals auf der falschen Seite. Seine Antwort auf den Vorwurf, er setze sich mit unmöglichen Leuten an einen Tisch: „Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken. Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder“ (Mt 9,12 f). Wenn dieses Wort Jesu auch Auftrag an unsere christlichen Gemeinden von heute ist, dann dürfen nicht nur „unsere Leute“ die Zielgruppe unserer Gemeindearbeit sein, sondern auch Leute, die schwierig sind und wenig Erfreuliches zu bieten haben. Gerade sie müssten das Gefühl haben, wenigstens in einer solchen Gemeinde willkommen und angenommen, ja sogar gesucht zu sein. Ich weiß, verbürgerlichtes Christentum ist weit angenehmer, auch für einen Pfarrer. Man gibt sich halt möglichst nur mit seinesgleichen ab, mit Menschen, die keine Schwierigkeiten machen und sich problemlos einfügen. Psychologisch verständlich. Trotzdem stehen das Wort und die Praxis Jesu dagegen. Eine christliche Gemeinde macht es sich zu leicht, wenn sie sich fast nur für die interessiert, die zu den „Gesunden“ gehören. Ein „gesunder“ Christ darf keine Berührungsängste haben vor den anderen; denn gerade bei denen findet er Jesus.

Ihr Fritz Ullmer, Pfr. i.R.

Ein gekreuzigter Messias?

Eine ungeheure Zumutung für unseren christlichen Glauben: das Folterkreuz als Lebens-, Heils- und Siegeszeichen! Juden und Muslime glauben mit uns Christen an den einen Gott, den Gott Abrahams und der Propheten, auch an den Gott Jesu. Aber ein gekreuzigter Messias? Nein, das können sie nicht akzeptieren. Denn „verflucht ist von Gott, wer am Holz (des Kreuzes“ hängst“, so steht`s in der Bibel Israels (5 Mose 21,23). Und der Koran lässt deshalb einen Mann am Kreuz sterben, der Jesus zum Verwechseln ähnlich sah. Christen dagegen bekennen sich von Anfang an zum Gekreuzigten, „den Juden ein Ärgernis, den Heiden eine Torheit“ (1 Kor 1,23). Deshalb wird die Leidensgeschichte Jesu in allen vier Evangelien sehr ausführlich geschildert. In unzähligen erschütternden Kreuzesdarstellungen hat die christliche Kunst später diese Niederlage Jesu festgehalten, am dramatischsten wohl Matthias Grünewald: der furchtbar zerschundene Leib Jesu hängst hilflos zwischen Himmel und Erde, von Gott und den Menschen verlassen. Wo war denn da Gott? So möchte man fragen. Und wo war er in Auschwitz? Wo ist er in Syrien oder in den Hungerländern? So fragen wir weiter.

Ein grausames Erlebnis in einem Nazi-KZ gibt vielleicht die Antwort. Drei jüdische Häftlinge wurden gehängt, einer von ihnen fast noch ein Kind. Alle anderen mussten dieses entsetzliche Geschehen mitansehen. Den zwei erwachsenen Opfern brach es sofort das Genick; aber das Kind, weil es so leicht war, zappelte noch eine halbe Stunde lang in der zugezogenen Schlinge und rang mit dem Tod. Es war ein furchtbarer Anblick. „Wo ist Gott?“ fragte einer, der das mitansehen musste, vorwurfsvoll. „Dort hängt er in der Schlinge“ sagte ein anderer.

Ja, dort am Kreuz, dort hing die Mensch gewordene Liebe Gottes. Nicht weil ein beleidigter und rachsüchtiger Gott ein blutiges Opfer verlangte. Sondern weil menschliche Bosheit und Verblendung die Wahrheit und die Liebe nicht ertragen konnten, die Jesus bis zur letzten Konsequenz vorgelebt hat. Am Kreuz haben Menschen Gott gezwungen, endgültig sein wahres Gesicht zu zeigen: das Gesicht des mitleidenden Gottes. Da hat sich kein herzloser Gott gezeigt, sondern einer, der nicht anders kann als sich restlos zu verschenken. „So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat (Joh 3,16). Unsere Erlösung hatte ja schon mit der Menschwerdung Gottes in Jesus begonnen. Und sein ganzes Leben und Wirken war eine einzige Erlösungstat, ein eindrucksvoller Beweis der Sorge Gottes um uns Menschen. Sein gewaltsamer Tod am Kreuz war das dichteste Zeichen dieser   erlösenden Liebe. Hier wurde sie bis zum letzten ausgepresst – und hielt durch, menschlich und göttlich. Es war die Liebeshingabe des Gottmenschen Jesus an uns, die er nicht verfluchte, und an Gott, den er nicht mehr verstehen konnte, an dem er dennoch gläubig festhielt: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mt 27,46).  Durch das Durchhalten seiner Solidarität mit uns Menschen und seiner Liebe zum Vater sind wir nun erlöst von der Sinnlosigkeit unseres Lebens und Sterbens, erlöst auch vom Fluch unseres eigenen Größenwahns, wie Gott zu sein. Ausgerechnet am Kreuz hat sich Gott also als Liebe verherrlicht. Und diese Liebe bleibt! Sie war und ist nicht umzubringen. Gerade durch die scheinbare Ohnmacht seiner Liebe ist Gott allmächtig, stärker als alle Bosheit der Welt. Darum feiern wir übermorgen nach dem dunklen Geschehen der Karwoche OSTERN, das Fest aller Feste. Denn Jesus ist durch seinen Tod hindurch auferstanden und heimgekehrt zu seinem Vater. Gott hat ihn, den Gekreuzigten, bestätigt als den, der den Menschen sein wahres Gesicht gezeigt hat und als den, durch den auch wir das Leben in ganzer Fülle finden können.

Das Leben und Sterben Jesu lässt aber gerade deshalb „nicht zu, dass wir über seiner Leidensgeschichte die Leidensgeschichte dieser Welt vergessen. Sie lässt es nicht zu, dass wir über seinem Kreuz die vielen Kreuze in der Welt übersehen, neben seiner Passion die vielen Qualen verschweigen, die Verfolgung zahlloser Menschen, die wegen ihres Glaubens, ihrer Rasse oder ihrer politischen Einstellung zu Tod gequält werden. Haben wir sein hoffnungsschaffendes Leid nicht zu sehr von der einen Leidensgeschichte der Menschheit abgehoben? Sind wir Christen diesem Leiden gegenüber nicht oft in einer erschreckenden Weise fühllos und gleichgültig gewesen? „Herr, wann hätten wir dich leidend gesehen?“ „Wahrlich, ich sage euch, was ihr einem dieser Geringsten nicht getan habt, habt ihr mir nicht getan“ (Mt 25)“ (Beschluss „Unsere Hoffnung“ der deutschen Synode 1975).

Ich wünsche uns allen einen dankbaren Glauben an den Gott, der durch die Hingabe Jesu am Kreuz gezeigt hat, dass er allen Unsinn dieser Welt und unseres Lebens in erlösenden Sinn und alles Unheil in Heil verwandeln kann und will.

Ihr Fritz Ullmer, Pfr. i.R.

Ostern gehört den Glaubenden!

Weihnachten gehört uns allen, ob gläubig oder weniger religiös. Der Adventskranz, der Christbaum, die Krippe, die Weihnachtslieder, irgendwie gehört das alles noch dazu, zumindest bei den meisten. Bei Ostern ist es anders: Dieses Fest mit dem auferweckten Jesus Christus gehört den Glaubenden. Für die anderen bleibt nur noch ein Frühlingsfest übrig. Ostern scheidet die Geister – radikal. Oder haben Sie schon einmal erlebt, dass ein Ungläubiger an Ostern Tränen der Rührung weint? Einfach nur weil Ostern ist? An Weihnachten kann das passieren. Da sind viele bereit, ihre Gefühle und Kindheitserinnerungen für vergessene Glaubensreste zu halten. Das christliche Ostern lässt sie einfach nicht ran. Auf jeden Fall nicht so leicht.

Dieses Fest ist – auch unabhängig von der Corona-Pandemie - herber als Weihnachten; denn es lässt sich nicht trennen vom Karfreitag. Darum lässt sich der Osterglaube auch nicht verkitschen, höchstens verdrängen. Der Osterhase ist nur eine Verlegenheitslösung, eigentlich ein Überbleibsel aus heidnischer Zeit, ein billiger, ja lächerlicher Ersatz für den auferstandenen Christus.

Was ist das Faszinierende an diesem Toten, der lebt, nachdem er zuvor die letzten Abgründe menschlicher Verlorenheit am Kreuz hat erfahren müssen? Durch ihn ist klar geworden: Trotz allem, was das Leben oft so grau, alltäglich und hart, ja manchmal sogar zum Verzweifeln sinnlos erscheinen lässt, trotz allem brauchen wir diesem Leben nicht auszuweichen. Nicht einmal dem Sterbenmüssen und dem Tod. Denn wer dem Leben und dem Sterben auf den Grund geht – durch alles Schreckliche und durch alle Angst hindurch -, der erfährt, dass da ganz unten eine starke Hand alles Fallende auffängt. Ganz tief unten, dort wo es wirklich um Tod oder Leben geht, um alles oder nichts, um totale Sinnlosigkeit oder einen alles umfassenden Sinn, um unbedingte Hoffnung oder Verzweiflung: Dort liebt uns einer grenzenlos und sagt: Ich bin da und lasse euch nicht los. Keinen!

Jesus von Nazareth hat es ausprobiert, in vorbehaltlosem Vertrauen. Er hat sein kurzes Leben nicht egoistisch gehütet, nicht auf Kosten anderer gepflegt. Er hat es verbraucht für möglichst viele Menschen. Genauso ist auch Gott, hat er gesagt. Man hat ihm nicht geglaubt., sondern aufs Kreuz gelegt. Er suchte dennoch keine andere Sicherheit als nur die eine: GOTT. Auf ihn verließ er sich bedenkenlos. Es kam, wie es kommen musste: Jesus scheiterte, man jagte ihn in den Tod. Und Gott schwieg (wie immer?) und ließ sein Liebstes zugrunde gehen – zum Entsetzen der einen und zum Gaudi der anderen. Doch dann mussten seine Jünger erkennen: Gerade im Verlieren und Untergehen und Sich-Loslassen hat Jesus alles gewonnen. Alles, also viel, viel mehr als was wir sonst mit Gewalt dem Leben an Erfolg abringen können. Jesus hat durchgehalten bis zum Tod am Kreuz. Er hat dabei alles gewonnen, Leben in ewiger Fülle, auch für uns. Seitdem ist er selbst die Erfahrung, dass das Leben unvergleichlich stärker ist als der Tod, die Geborgenheit sicherer als das Chaos, die Hoffnung berechtigter als das Durchdrehen, der Sinn grundsätzlicher als die Sinnlosigkeit, die Auferstehung in die Lebensfülle endgültiger als das Kreuz und Gott viel wichtiger als alles, was uns Angst macht.

Jeden Sonntag feiern wir Christen diese Zuversicht; denn jeder Sonntag ist für uns ein kleines Osterfest, ein Fest des Aufatmens nach der Last der Alltagswoche. Deshalb können Christen diesen Tag auch nicht dem Profit opfern. Wir brauchen ihn so notwendig wie Ostern. Jede Woche neu!

Ich wünsche Ihnen diesen zuversichtlichen Osterglauben, jetzt in dieser existenziellen Herausforderung des Corona-Schreckens erst recht.

Ihr Fritz Ullmer, Pfr. i.R.